Fukushima – Gedenken am 7. Jahrestag der Katastrophe

Am 11. März 2011 ereignete sich die schwerste Naturkatastrophe in Japans Geschichte. Eines der größten jemals gemessenen Erdbeben von der Stärke 9 zerstörte zahlreiche Gebäude und löste einen Tsunami aus, der einen mehrere hundert Kilometer langen Küstenstreifen überflutete. Fast 20000 Menschen kamen dabei ums Leben. Ein folgenschweres Ereignis war die Flutung des Atomkraftwerkes Fukushima Daiichi. Es kam zur Kernschmelze von drei Reaktoren mit unabsehbaren Folgen für die Bevölkerung. 80.000 Menschen wurden nach Regierungsangaben evakuiert, tatsächlich verließen etwa 160000 Menschen die Region. Die verseuchte Zone an der Küste führt bis zu 65 Kilometer ins Landesinnere hinein. Radioaktiv belastete Bodenschichten werden seit der Katastrophe abgetragen und in Säcke gefüllt. 780000 Kubikmeter radioaktives Kühlwasser soll entseucht werden. Tatsächlich kontaminiert radioaktives Wasser das Grundwasser oder wird aus den überfüllten Auffangbehältern ins Meer geschwemmt. Auch mit Hilfe eines unterirdischen Eiswalles ist es nicht gelungen, die Verseuchung des Grundwassers einzudämmen. Die Bergung der Brennstäbe aus den geschmolzenen Reaktorkern soll laut Angaben der Kraftwerksbetreiber 30-40 Jahre dauern. 2020 soll Fukushima ein Austragungsort der Olympischen Spiele werden.

 

 

ANKÜNDIGUNG

Demnächst: Auszüge aus meinem Japan-Roman
Fukushima 11/3/11

 

Über das Leben in einem mongolischen Nomaden-Camp

Die ursprüngliche Idee war ein Reiturlaub mit der reitbegeisterten Tochter in der mongolischen Steppe, und dann wurde die Planung doch noch geändert. Über mongolische Bekannte wurde uns ein Deutsch sprechender Mongole vermittelt, dessen Vater übrigens der in Deutschland als Schriftsteller bekannte Galsan Tschinag ist. Und so ergab es sich, dass wir, meine Frau, meine Tochter und ich eine Woche Leben mit Nomaden im westlichsten Winkel der Mongolei, im Altai-Gerbirge an der chinesischen Grenze buchten. Unsere ursprünglichen Reiterwünsche haben sich bei Ausritten im steinigen Altai-Gebirge zwar nur zum Teil erfüllt. Auf einer sich anschließenden Reise in die Zentralmongolei konnten Meine Tochter und ich konnten dann aber doch noch erleben, wie es sich anfühlt, wenn man auf dem Rücken eines mongolischen Pferdes durch die Weiten der mongolischen Steppe vor phantastischen Gebirgskulissen galoppiert oder durch den weichen Sand die Dünen von Elsen Tasarkhai erklimmt. Aber ich will von anderem berichten, von den außergewöhnlichen Erfahrungen in einem abgelegenen Nomaden-Camp.

In aller Herrgottsfrühe um 5.30 geht es es los, und drei Stunden später landen wir dann in der Provinzhauptstadt des Altai-Gebirges, in Ölgij. Zunächst einmal können wir das Flughafengebäude nicht betreten, weil eine Wasserleitung in der Toilette geplatzt ist und die Ankunftshalle überschwemmt hat. Beim Frühstück in einem Cafe lernen wir einen deutschsprachigen mongolischen Kehlkopfsänger kennen, dazu gesellt sich dann ein Soldat. Beide werden wir später wiedertreffen, weil sie die gleiche Reiseroute haben. Alle bekommen ein Frühstück, nur uns hat man schlichtweg vergessen. Das ist nicht böse gemeint. Man muss halt immer wieder nachhaken. Denn vieles nimmt man in der Mongolei nicht so genau wie bei uns in Deutschland.

Wir brechen dann in einem scheinbar uralten, aber unverwüstlichen russischen Unimog zu einer fünfstündigen Reise über Schotterpisten auf. Unser Fahrer ist zufällig der Bruder des Kommandeurs einer Kaserne im mongolisch-chinesischen Grenzgebiet. Nach zwei Stunden erreichen wir die Kaserne und werden zum Mittagessen in die Jurte des Kommandanten eingeladen. Bei der Einfahrt in die Kaserne werden wir militärisch gegrüßt. Fotografieren verboten. Unglaublich, wie die paar hundert Soldaten, die die Kaserne beherbergt, das riesige Grenzgebiet zu China kontrollieren können. In der Jurte des Offiziers lernen wir dann schon die ersten Regeln der Gastfreundschaft bei Nomaden kennen. Zur Begrüßung wird eine Schnupftabakdose überreicht. Ich mache den Fehler, den Tabak einzuschniefen. Man soll nur an der Tabaksdose riechen und damit seine Wertschätzung des Gegenstandes gegenüber dem Besitzer zum Ausdruck bringen. Tabakdosen sind hier wahre Schätze und können mehrere tausend Euro kosten. Wichtig ist, dass sich bei der Übergabe die Hände des Gastgebers mit denen des Gastes berühren. Damit wird man sich vertraut. Später werden Gastgeschenke überreicht. Das hat heute nur noch eine symbolische Bedeutung und so haben wir auf Geheiß unseres Reiseführers vorher lediglich Bonbons und Gebäck gekauft, die aber vollends ihren Zweck erfüllen.

Nach uns treffen die schon alten Bekannten aus dem Cafe ein, der Soldat und der mongolische Kehlkopfsänger, der jetzt in Begleitung eines Finnen ist. Dieser ist, so stellt sich später heraus, Herausgeber eines Musikjournals und erlernt selber schon seit Jahren mit großem Eifer die Kunst des Kehlkopfgesangs und versucht sie in Finnland populär zu machen. Der Soldat nimmt an der Seite des Kommandanten Platz. Neben dem eher zierlichen Offizier wirkt er wie ein Hühne, braungebrannt, breit, muskulöser Körperbau, kräftiger Nacken, kantiges Gesicht, immer freundlich lächelnd. Später erfahren wir, dass es sich um einen “Ranger”, einen kampferprobter Mann mit vielseitigen Fähigkeiten, eine Allzweckwaffe handelt, Gebirgsjäger ebenso wie Kampftaucher – ein Mann, der schon in Afghanistan im Einsatz war. Er ist mit dem Kehlkopfsänger Dangaa Khosbayar alias „Hosoo“befreundet. Dangaa lebt mehrer Monate im Jahr in Bremen und ist in Deutschland zu einer Berühmtheit geworden, nachdem er bei Dieter Bohlens ´Deutschland sucht den Superstar‘ bis ins Halbfinale kam, was wir erst glauben, als Ann-Kristin später den Auftritt bei You tube herunterlädt. Da sehen wir zwei würdevoll auftretende Männer in traditionellen Trachten, Danga und einer seiner Bandmitglieder, welcher ihn auf der Pferdekopfgeige begleitet. Danga Khoshobar hält Dieter Bohlen für einen sympathischen Menschen, was den Widerspruch meiner Frau herausfordert. Danga lässt sich aber nicht ausreden, dass sein “Freund” privat ein netter Kerl ist. Er trägt jetzt eine bestickte Mütze, wie sie Kasachen islamischen Glaubens tragen. Er grüßt, ein schelmisches Lachen auf den Lippen, mit ‚Salem Aleikum‘. Er ist aber kein Kasache, das ist nur ein Scherz, allerdings einer, der auf ein Problem hinweist.

Danga gehört wie auch unser Reiseführer Galtai zum Nomadenstamm der Tuwa, einer ethnischen Minderheit, die seit Jahrhunderten im Altai-Gebirge ihre angestammten Nomadenplätze hat. Später erklärt uns unser Reiseführer Galtai das Problem und seine Geschichte. Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden Kasachen aus Russland vertrieben und suchten als Flüchtlinge eine neue Heimat. Die Mongolei nahm 18.000 dieser Flüchtlinge offziell auf. Mittlerweile ist diese Bevölkerungsgruppe auf 200.000 Menschen angewachsen und bildet eine Mehrheit unter den Bevölkerungsgruppen im Altai. Die Kasachen gelten als fleißig, sind streng religiöse Moslems und heiraten nur unter sich. Äußerlich sind sie den übrigen Nomadenvölkern ähnlich, teilen aber nicht die naturverbundenen Wertvorstellungen der Urbevölkerung, schlachten Jungpferde und Lämmer, halten Adler in Gefangenschaft. Sie unterscheiden sich von den Tuwa vor allem darin, dass sie die Natur nicht als Lebensraum sondern als Ressource betrachten. Große Baumbestände wurden von ihnen abgeholzt. Ein Schaden, der jetzt durch Wiederaufforstungsmaßnahmen, die Galtai organisiert, wiedergutgemacht werden soll. Im Allgemeinen versteht man sich gut mit den Kasachen, aber hat auch Angst davor, dass nicht nur die eigene Kultur und Religion allmählich verdrängt wird, sondern, dass den Stämmen auch die rechtlich nicht verbrieften Weideflächen streitig gemacht werden und Berge und Seen der angestammten Region umbenannt werden.

Nach dem Essen reicht der Kommandant eine Schale mit Milchschnaps herum. Die Männer sollen zuerst trinken. Dann werden Danga und sein finnischer Freund Sauli gebeten, ihre Kunst vorzuführen. Nach einer kurzen Phase des Einsingens gibt uns dieses Männer-Duett einen Eindruck von der Variantenvielfalt des obtertonreichen Kehlkopfgesangs. Danach brechen wir auf. Die Pisten werden immer unwegsamer, was den Fahrer jedoch nicht bekümmert. Unbeirrt rast er mit gleichbleibender Geschwindigkeit über Hügel und durch Schlaglächer oder weicht querfeldein in die steinige Steppe aus. Wir kommen in eine menschenleere Hochgebirgslandschaft an Flüssen vorbei. Hin und wieder sehen wir Ziegen-, Yak- und Pferdeherden.

Das Nomadencamp liegt am Ende eines von hohen Bergen eingerahmten Tales in einer Höhe von 2500 Meter, nicht weit entfernt von einem glasklaren See, der aus einem nicht erfíndlichen Grund “schwarzer See” genannt wird, von dem aus man die schneebedeckte Bergkette sehen kann. Dahinter liegt schon China. Das Camp besteht aus unserem Gers – so nennt man die Jurten in der Mongolei -, und den Gers der anderen Gäste. Dazu gehören neben dem Finnen ein deutscher Käsemeister, der hierfür einige Wochen lebt, um den Nomaden zu helfen, aus ihrer Yakmilch Käse herzustellen. Es gibt darüber hinaus eine Küchenjurte, eine Käseproduktions- und lagerstätte, die Unterkunft unseres Reiseleiters und die Zelte zweier Familien, in denen auch die Mädchen wohnen, die uns in der Woche bekochen sollen. Für die Nortdurft steht deutchlich sichtbar eine behelfsmäßig eingefriedete Grube mit Donnerbalken zur Verfügung. Wasser wird dem Bach entnommen, in dem man sich auch wäscht. Das Wasser darf weder durch Seife, Waschmittel, Zahnpasta noch durch Spucke verunreinigt werden. Strom gibt es in de Jurte einer Familie dank eines Sonnenkollektors. Dort befindet sich auch eine Telefonzentrale. Über Satellitentelefon können hier auch benachbarte Nomaden mit der Außenwelt kommunizieren. Hier hat sich die Moderne ihren Weg in steinzeitliche Lebensformen hinein gebahnt. Wir jedoch müssen in unserem Ger ohne Strom auskommen. Kerzen werden abends angezündet und dann wird die Jurte auch mit einem Holzofen geheizt. Im Laufe der Nacht wird es aber so kalt, dass wir uns in unseren Schlafsäcken unter zahlreichen Decken verkriechen. Wehe dem, der nachts auf die Toilette muss. Wenigstens wird man dann durch einen unendlich weiten, leuchtenden Sternenhimmel belohnt. Doch die Blase wird im Laufe der Nächte belastbarer. Wir erlebten Nächte, in denen die Gewitter von den uns umgebenden 3000ern ins Tal herunterrollen, in denen unser Zelt von Stürmen gerüttelt und dem prasselnden Regen ausgesetzt wird. Nach einer solchen Nacht sehen wirdann auch einmal, wie die umliegenden Berge mit Schnee gepudert sind.

Das morgendliche Waschen am Bach muss erst gelernt werden, ein komplizierter Vorgang, bis alle Körperteile in der morgendlichen Kühle gereinigt sind. Man gewöhnt sich im Laufe der Tage daran. Die Wäsche mit wenig Seife ist nicht so umfangreich. Dennoch fühlt man sich sauber. Liegt es an der Wasserqualität oder daran, dass man hier weniger Schmutz ansetzt? Das Wasser, das ich mit der Hand schöpfe, schmeckt stark mineralhaltig.

Der Bach bringt viele Geräusche hervor, neben Gluckern und Rauschen auch Töne wie von einem Xylophon. Es ist, als ob der Bach zu einem spricht. Die Mongolen werden wohl diese Sprache verstehen. Die Natur bietet hier dem Menschen alles, was er braucht. Und das scheint auszureichen, um glücklich zu sein. Jedenfalls begegnen wir nur zufrieden aussehenden Menschen. Ich erfahre, dass die Naturreligion den Nomaden Wiedergeburt verspricht. Das klingt schlüssig. Denn eine solche lebensbejahende Religion können nur Völker hervorbringen, die sich mit ihrem Leben im Einklang befinden. Wollen etwa wir Menschen aus dem Westen wiedergeboren werden?

Schon am ersten Tag nehmen wir wahr, dass die Zeit im Camp anders verläuft, jedenfalls nicht linear. Später, am Tag vor unserer Abreise werden wir es schon als selbstverständlich hinnehmen, dass unser Abflug um sechs Stunden verschoben wird. Nichts hat Eile. Wann wir ausreiten, zu Mittag essen, wen wir besuchen, wird immer spontan bestimmt. Die Uhrzeit spielt keine Rolle, die Wochentage vergisst man. Es gibt keine Wochenenden. Hier herrscht eine Zeit im Überfluss, eine Zeit ohne Fenster. Obwohl das Leben immer gleich erscheint, erhält der Augenblick eine Tiefenschärfe, den ich aus dem normalen Leben nicht kenne. Die alltäglichen Handlungen sind keine lästige Routine, die man abarbeitet, sondern ihnen haftet immer eine Aura des Zeremoniellen an. Der Augenblick scheint sich zu dehnen und vieles zu offenbaren, was wir nomalerweise übersehen. Und dann wird man für die Geduld, die man sich und seiner Umwelt entgegenbringt auch immer belohnt. Ich beobachte am Bachufer zwei verspielt herumlaufende Ziesel -eine Art Erdmännchen – oder die Schwarzmilane, die sich über unseren Köpfen von den Aufwinden tragen lassen. “Verweilen” beschreibt diese Annäherung an die Dinge, die das Gegenstück zu unserer westlichen Vorstellung vom instrumentellen Zugriff auf die Dinge darstellt. Im Verweilen empfinde ich eine Zugehörigkeit zu allem, womit ich mich gerade beschäftige.

Der kräftige Wind, die starken Landschaftseindrücke bringen das Denken manchmal zum Stillstand. Diese andere Zeit scheint so real wie die unseres Arbeitsalltags, aber es ist eine andere. Vielleicht ist sie die Grundlage für Naturgeister und den Schamanismus. Gerne hätte ich den Stammesschamanen auf einem unserer Ausritte kennengelernt. Wir sind an seinem Ger vorbeigeritten. Aber auch Schamenen sind hier normale Menschen und helfen bei der Arbeit. Und so war der Stammesschamane gerade unterwegs. Galtai erzählt, dass dieser einmal einer Verwandten mit bloßen Händen schmerzfrei einen kranken Zahn gezogen habe. Über die Taten der Schamen gibt es noch viel wundersamere Erzählungen. Erzählungen sind wichtig im Nomadenleben. Es gehört zu Sitte, eine Geschichte zu erzählen, wenn man bei einer Nomandenfamilie eingeladen ist. Es können nauch Rätsel sein. Einmal kam ich auf Umwegen auf die “Ilias”. Es begann damit, dass uns von dem, nomadíschen Brauch erzählt wurde, kleinen Jungen nicht die Haare zu schneiden. Sie sollen sich in jungen Jahren äußerlich von Mädchen nicht unterscheiden. Damit täuscht man die bösen Geister, die es auf kleine Jungen abgesehen haben. Ähnlich war es mit Achilles, dessen Mutter ihn als Mädchen verkleiden ließ, um ihn vor der Rekrutierung durch die Achaier zu schützen. Dann kamen wir auf die Idee vom Schicksal und ich erzählte die Geschichte von Ödipus, dem Vatermord und der Blutschande und ich stockte, als ich Munkos erschrockenen Gesichtsausdruck wahrnahm. Unser Gastgeber war tief betroffen und auch die intellektuelle Auflösung mithilfe der antiken Schicksalsidee bot keine Entlastung.

Das Ungewöhnlichste für einen westlich sozialisierten Menschen ist die absolute Stille, die in diesem mitten in den Bergen gelegenen, einsamem Camp herrscht. Kein Verkehr, keine Flugzeuge, keine Maschinen, eine Welt außerhalb der Welt. Umso intensiver haben wir dann Geräusche wahrgenommen, das Rütteln des Sturmes am Zelt, das merkwürdige Grunzen am frühen Morgen, das, wie wir später feststellten, von Yaks stammte oder das am Zelt in der Nacht vorbeirasende Motorrad unserer Nachbarn. Oder die ruhelose Nacht, in der der Wachhund unauffhörlich aus verschiedenen Richtungen bellte, unterbrochen vom Geheul der Wölfe. Als dann die Wölfe Gesprächsthema wurden, war ich verwundert über das respektvolle Verhältnis, das die Nomaden zu ihnen haben. Man sagt, wer einen Wolf sieht, habe Glück. Noch mehr Glück bedeuet allerdings, einen Wolf zu erlegen. Ein Mythos besagt, die Mongolen seien mit den Wölfen verwandt.

In Laufe der Woche lerne ich aus den Gesprächen mit unseren Nachbarn, bei denen uns Galtai immer als Übersetzer und Mittler zur Seite steht, noch einiges über Mythen und über die Naturreligion, vor allem über die vielen Regeln, die das nomadische Alltagsleben bestimmen. So darf am 9. und 19. Tag im Mondkalender keine Milch aus einer Jurte getragen werden, etwas, was unsere Käsehersteller bei ihrer Produktionsplanung berücksichtigen müssen. Der Ovo, die Kultstätte für die Ansprache der Geister, der meist auf einer Bergkuppe errichtet ist, muss dreimal im Urzeigersinn umrundet werden. Wir sind einmal mit Munko, dem freundlichen Reitführer des Camps auf einen Dreitausender hinaufgeritten. Dort ist der Ovo des Clans. Bänder schmücken diese Hügel aus aufeinandergeschichteten Steinen und Opfergaben. Das können irgendwelche persönlichen Andenken oder Geldscheine sein. Weniger schöne Ovos fanden wir später in dichter besiedelten Regionen der Mongolei, die mit Autoreifen, manchmal auch Plastikflaschen überhäuft waren. Die Zahl 13 ist heilig und eine Glückszahl. Dementsprechend werden die Himmelsrichtungen, aus denen die Geister zu den Ovos heranwehen, in 13 unterteilt. Bestimmte Wochentage sind gut, dazu gehört der Freitag, und wenn er der 13. ist, dann ist er auch noch ein Glückstag. Andere Tage bringen Unglück. Dementsprechend soll man seine Aktivitäten planen. Solche Regeln geben dem Leben der Nomaden ein Gerüst.

Die Nomaden leben in Gers und das tun sie schon seit tausend Jahren. Dschingis Khan hat in der damaligen Hauptstadt Karakorum Häuser für die Christen und Moslems gebaut, für die Mongolen hingegen eine aus Jurtenzelten bestehende Siedlung. Auch die heutigen Mongolen, die außerhalb Ulaan Bators wohnen, ziehen diese Unterlünfte noch festen Behausungen vor. Nomaden sind anders als wir keine Höhlenmenschen, mögen keine Mauern um sich herum. Deshalb sind die fest gebauten Winterlager, in denen sie die klirrend kalte Jahreszeit von Minus 40 Grad verbringen, nur Notlösungen. Es scheint Ähnlichkeiten zwischen den indianischen Tipis und den mongolischen Jurten zu geben. Farben spielen bei beiden Zeltarten eine wichtige Rolle. Das Tipi ist außen, der Ger innen bunt bemalt. Die Holzstreben der Gers sind mit den Grundfarben gemustert und die Innenenverkleidung der Jurte, sowie die Tische und Schränke mit farbigen Mustern verziert. Selbst die Überdecken auf den Betten sind farbig bestickt. Ich erfahre, dass die wiederkehrenden Ornamente keine spezifische Bedeutung haben. Aber auch wenn sie nicht als Symbole zu entschlüsseln sind, scheinen sie doch mehr als schöne Verzierungen zu sein. Sie bringen ein Harmoniebedürfnis zum Ausdruck, wie man es nur bei einem im Einklang mit der Natur lebenden Volk fiunden kann. In ihren unendlichen Wiederholungen reproduzieren sie die immer gleichen Muster eines Lebens, das nicht auf den Punkt gebracht werden muss.

Farbenvielfalt ist ein auffälliges Merkmal im Nomadenleben. Auch bei ihren Kleidern bevorzugen die Mongolen kräftige Farben.Galtai trägt zum Reiten einen himmeblauen knöchellangen Deel, der mit einem orangenen Gürtel zusammengehalten wird. Ich lerne, dass auch den Farben Bedeutungen zukommen. So werden den Geistern verschiedene Farben zugeordnet. Pferde haben keine Namen, sondern werden nach Farben benannt. Ein mongolisches Sternzeichen ist das Feuerpferd. Farben sind bedeutungsvoll und keineswegs nur Schmuck. Sie scheinen das Individuelle aufzulösen, um es an einem sinnstiftenden Zusammenhang der Gemeinschaft teilhaben zu lassen.

Eine schwierige Umstellung von eingefleischten Gewohnheiten verlangt das Nahrungsangebot von uns. Die Nahrung besteht hier, wenn man einmal die Wildfrüchte und -kräuter außer acht lässt, aus zwei Komponenten: aus Fleisch und Milch. Beides Produkte aus der lebensnotwendigen Viehzucht, die uns in allen Varianten angeboten werden. In unserem Nomadenlager können wir studieren, wie vielfältig diese Nahrungsquellen verarbeitet werden: Gehärtete Quarkstücke, Buttersorten mit unterschiedlichem Fettgehalt, Yoghurt, Milchschnaps – der sogenannte mongolische Wodka – und neuerdings dank der Hilfe des deutschen Käsemeister auch Bergkäse nach österreichischem Rezept. Das geschlachtete Vieh wird in seiner Gänze verwertet. Es wird keineswegs wie bei uns nur das Fleisch verarbeitet. Wie das Ganze abläuft, erfahren wir dann ganz real. Da das Schlachten zum Nomadendasein einfach dazugehört, nehme ich als Zuschauer an diesem Ereignis teil, was mir allerdings sehr schwer fällt. Das Schaf wird ausgesucht. Widerstrebend wird es von den Herde weggeführt und in die Nähe des Küchen-Gers gebracht. Auf einer Matte wird es gefesselt auf den Rücken gelegt. So wie es daliegt scheint es sich schon seinem Schicksal ergeben zu haben. Während der eine Nomade sanft den Kopf des Tieres hält, schlitzt der neben dem Schaf Knieende ruhig den Bauch des Tieres mit einem kurzen Schnitt seines Messers auf. Das Tier reagiert kaum. Dann greift er mit der bloßen Hand in den Bauch hinein und reißt mit einem Ruck die Aorta heraus. Im selben Moment erstarrt das Tier, zittert noch ein wenig, ein letztes Prusten, und es ist vorbei. Das Zuschauen kommt mir obzön vor, wird aber von unseren Nomadenfreunden als Anteilnahme an dem Geschehen gewürdigt. Die weiteren Details will ich mir nicht anschauen. Als ich nach 20 Minuten wiederkomme, liegt nur noch die Innenseite des Fells auf der Matte. Alles andere wurde ausgenommen, Beine und Schädel abgetrennt. Unten am Bach waschen die Mädchen die Gedärme aus, die später, mit dem Blut aus der Schüssel gefüllt, die Grundlage für die Herstellung von Blutwürsten bilden. Nach und nach bekommen wir dann alle Bestandteile des Schafes in den verschiedensten Gerichten serviert. Während wir in der Küchenjurte um den Tisch herum sitzen, dampft es auf dem Holzherd verheißungsvoll und neben der Tür hängen fast dekorativ die Bestandteile des Schafes ab, die uns dann schon eine Vorschau auf weitere Gerichte in der Woche geben. Unter anderem wird es Kutteln, Niere, Leber, Blutwurst und schließlich das Fleisch geben. Und das Erstaunliche: der Variantenreichtum der Zubereitung von Suppen, gebratenen Rippchen, mit Zwiebeln gerösteter Leber und vielem mehr wird nicht eintönig. Dennoch reift in mir der Vorsatz, nach dem Mongoleiurlaub vegetarisch zu essen. Wir verleiben uns aber vorerst nach und nach das ganze Schaf mit allen seinen Reichtümern ein, und am Schluss glaubt man, dass das Schicksal des Schafes am Ende noch trauriger hätte sein können, wenn es nicht immer wieder so viele Mägen erfreut hätte.

Das zweite Grundnahrungsmittel, die Milch stammt vom Yaks oder von der Pferdestute. Dass Pferde gemolken werden können, erscheint nicht ungewöhnlicher als das Melken der wolligen Rinder, die sich in ihrer zotteligen Art – eine Mischung aus Hund und Bär – fast träumerisch durch die Landschaft bewegen. Man soll auch auf ihnen reiten können. Die Stutenmilch kann offenbar nicht frisch getrunken werden. In einem Ledebeutel wird sie gestampft und erhält nach einem Gärungsprozess einen stark säuerlichen, gewöhnungsbedürftigen Geschmack. Die Yakmilch hat einen hohen Fettgehalt- Aus dem Rahm werden Butter oder sogenannte Quarkbällchen gemacht. Die Milch wird zusammen mit der Butter, mongolischem Tee und etwas Salz zu dem Leib-und Magengetränk der Mongolen verarbeitet. Aus der gegorenen Molke wird der Schnaps gebrannt. Die ganze Milchfabrik hat in dem Yurtenzelt einer Familie Platz.

An unserem letzten Tag im Camp wird es immer einsamer um uns. Wir befinden uns noch in der ersten Augusthälfte und schon werden die meisten Jurten der Familien abgebaut, die ins Herbstlager weiter unten im Tal gebracht werden sollen. Die Männer fahren in die noch tiefer gelegenen Ebenen zum Heuernten, damit die Pferde und das Vieh den langen Winter überleben können. Die Kinder hüten solange die Yaks, Pferde und Schafe. Wir können uns gar nicht vorstellen, dass wir nur eine Woche im Camp waren. Als wir dann am nächsten Tag aufbrechen, begleiten uns zwei Kinder des Clanfamilie. Der junge Mann wird als frisch gebackener Absolvent eines Bauingenieur-Stuiums in den Minen der Gobi-Wüste arbeiten und ein stattliches Gehalt verdienen. Das Mädchen wird in Ulan Bator Jura studieren. Werden sie auf Dauer dem Nomadenleben den Rücken kehren? Sie wissen es noch nicht.
Eine Besonderheit des Nomadenlebens fällt mir dann auch erst nach unserer Abreise auf. Es gibt in den Lebensräumen der Nomaden keine Spiegel. Der Schriftsteller Gansan Tschinak beschreibt den Schrecken, den er als Jugendlicher erfuhr, als er sein Spiegelbild das erste Mal auf der Wasseroberfläche eines Baches sah. Wo keine Spiegel sind, müssen die Bilder der Identität von innen heraus erzeugt werden. Ich habe mich eine Woche lang daran gewöhnt, mich nicht gespiegelt zu sehen, und das Fehlen der Spiegel ist mir kaum aufgefallen, hat mir nicht einmal beim Rasieren gefehlt. Mich später bei unserer Ankunft in Ölgi im Spiegel des Hotelzimmers zu betrachten, war eine seltsame, leicht irritierende Erfahrung.

Fünf Jahre nach der Katastrophe – Reise durch das Evakuierungsgebiet von Fukushima

 

Mein Taxi hält vor einem felsigen Gedenkstein, der mit Schriftzeichen übersät ist. Er steht inmitten einer weiten, brach liegenden Landschaft, die durch das Meer am Horizont begrenzt wird. Der Taxifahrer, Herr Sato schweigt jetzt. Als wir weiterfahren, erzählt er mir, dass Verwandte und Freunde unter den Katastrophenopfern waren.

Ich bin in dem Gebiet, in dem sich am 11. März 2011 die schwerste Naturkatastrophe in Japans Geschichte ereignete. Ein Erdbeben der Stärke 9 löste einen Tsunami aus, der einen mehrere hundert Kilometer langen Küstenstreifen überflutete. Fast 20000 Menschen kamen durch den Tsunami ums Leben. Ein folgenschweres Ereignis war die Flutung des Atomkraftwerkes Fukushima Daiichi. Es kam zur Kernschmelze von drei Reaktoren mit unabsehbaren Folgen für die Bevölkerung. 80.000 Menschen wurden nach Regierungsangaben evakuiert, tatsächlich verließen etwa 160000 Menschen die Region. Über die Opfer der Atomkatastrophe hingegen gibt es in Japan keine Statistiken. Lediglich eine Zunahme von Schilddrüsenkrebs bei Kindern aus den Wohngebieten um das Kraftwerk Fukushima Daiichi wurde festgestellt. Die ärztliche Organisation IPPNW prognostiziert aber zehntausende zusätzliche Krebserkrankungen.

Herr Sato, früher Geschäftsmann in Minami Soma, verdient sich heute sein Geld mit Taxifahren. Er fährt mich von der Grenzstadt der Evakuierungszone Haramachi aus südwestlich an der Küste entlang durchs Sperrgebiet. Die Nationalstraße 6, die im September 2014 für Kraftfahrzeuge wiedereröffnet wurde, soll uns zum Unglücksreaktor führen. Das längere Anhalten und Verlassen von Fahrzeugen ist verboten. Mit der Wiedereröffnung dieser ehemals wichtigen Verkehrsader verfolgt die japanische Regierung den Wiederaufbau der Infrastruktur, um so die Voraussetzungen für die Rückkehr der evakuierten Bevölkerung zu schaffen. Hier bleiben wir jedoch allein auf weiter Flur. Nur ab und zu fahren Transportfahrzeuge mit abgedeckten Ladeflächen und vermummten Fahrern an uns vorbei. Die Ränder der Fahrbahn sind durch Betonwälle oder massive Zäune begrenzt, an den Ausfahrten versperren Polizeischranken die Durchfahrt. Überall finden sich Warnhinweise. Wir kommen durch Orte, die noch im Tsunami-Gebíet liegen, das sich hier bis zu vier Kilometer weit ins Land erstreckt. Wir sehen Häuser, die zur Hälfte weggespült, von innen ausgehöhlt oder zum Einsturz gebracht wurden. Jenseits des Tsunami-Gebietes sind nur wenige Häuser vom Erdbeben zerstört worden. Wir fahren in eine gefrorene Zeit, in der noch alles so ist wie damals, als im März vor fünf Jahren unzählige Menschen urplötzlich aus dem Leben gerissen wurden, als andere flohen oder zum Verlassen dieser Todeszone gezwungen wurden. Die Straße führt direkt durch die Geisterstädte, die dem Katastrophenkraftwerk am nächsten liegen, durch Namie und Futaba. Wir kommen an einer Messstelle vorbei, die eine radioaktive Belastung von 5 Mikrosiervert pro Stunde anzeigt. Das übertrifft die natürliche Strahlung um das 30fache. Auf dem Boden ist sie noch sehr viel höher. Die meisten Gebäude sind dank erdbebensicherer Architektur noch völlig intakt. Viele Einfamilienhäuser sind noch komplett eingerichtet. In einem Wohnzimmerfenster kann man zum Trocknen aufgehängte Wäsche sehen. An einem Neubau steht noch das Baugerüst. Schulen, Tempel, das Rathaus, das Polizeirevier, Supermärkte, Tankstellen, Autos und auch die Friedhöfe zeugen von einem ehemals funktionierendem Gemeinwesen. Doch allmählich, fast unmerklich wird alles vom überwuchernden Grün in die Natur zurückgeholt. Schließlich erreichen wir die Stelle, von der aus man die nur zweieinhalb Kilometer entfernten, hinter einem Wäldchen aufragenden Kräne des Unglücksreaktors sehen kann.
Und dann begegnet uns auf unserem Rückweg doch noch ein Lebewesen – eine Katze. Sie steht orientierungslos mitten auf der Fahrbahn. Als wir näher kommen, legt sie sich auf die Seite, als ob sie schlafen wollte, aber ihr Kopf wackelt und ihre Hinterbeine zucken.
Mein Fahrer biegt irgendwann in eine Seitenstraße ein, wir kommen an Campingplätzen und an einem Spielplatz vorbei und halten auf einem großen Parkplatz, allein inmitten eines großzügig angelegten Parks mit Brücken und einem See. Hier in Odaka, erklärt mir Sato, fanden vor der Katastrophe Festivals und Pferderennen statt, die an den Samurai-Clan erinnerten, der hier vor tausend Jahren herrschte.
Danach geht es zurück nach Minami Soma, in den nördlichen Teil der Stadt. Der südliche liegt noch im Evakuierungsradius weniger als 20 Kilometer vom AKW entfernt. Erst zweieinhalb Jahre nach der Katastrophe ging hier eine radioaktive Staubwolke nieder, wie sich später herausstellte, Resultat der Baggerarbeiten der Betreiberfirma Tepco auf dem Kraftwerksgelände. Verstrahltes Erdreich und Schutt sollten abgetragen werden. Der aufgewirbelte radioaktive Staub wurde vom Wind nach Minami Soma geweht.
Als wir in der Nähe der Bushaltestelle ankommen, lädt mich Herr Sato zu einer Nudelsuppe ein. Die Straßen sind auch hier verlassen. In dem Imbiss sind wir allein. Eine alte Frau bedient uns. Herr Sato erklärt, warum er hier geblieben ist: “Die jungen Leute mit ihren Kindern sind alle fortgezogen. Ich bin zu alt, um irgendwo neu anzufangen. Ich bin hier geboren, ich habe hier gelebt, ich will nicht mehr fort. Wir Alten sind hier unter uns. Aber das ist in Ordnung.” Als ich ihn frage, ob der evakuierten Stadtteil einmal wieder geöffnet werden wird, lächelt er mich ungläubig an. Er will hierzu nichts sagen. Als ich später im Bus sitze, wartet er, bis wir losfahren. Er winkt mir noch lange nach.
Der Bus fährt nicht direkt nach Fukushima Stadt. Wir müssen einen großen Bogen um hochgradig verstrahltes Gebiet fahren. Wir fahren durch urwüchsige Wälder und kommen an Freiflächen vorbei, auf denen Arbeiter in Schutzanzügen unermüdlich radioaktiv verseuchtes Erdreich abtragen, in Säcke füllen und auf LKWs verladen.

Im Zentrum von Fukushima habe ich einen Interviewtermin mit dem Leiter für Dekontaminierungsmaßnahmen aus dem japanischen Umweltministerium. Ich befrage Herrn Hitoshi Aoki nach dem Stand der Evakuierungsanordnungen. Das Gebiet wurde nach dem Verseuchungsgrad in drei Evakuierungszonen – rot, gelb, grün – aufgeteilt. Die mittel- und hochgradig verstrahlten Gebiete breiten sich nicht kreisförmig um das AKW aus, sondern verlaufen schlauchförmig fast 65 Kilometer ins Landesinnere hinein und enden nur 15 Kilometer entfernt vor der Landeshauptstadt. Erklärtes Ziel der Regierungsmaßnahmen in den Evakuierungszonen sei die Wiederbesiedlung der Gebiete. Die Abtragung von radioaktiv verseuchtem Boden solle hierzu beitragen. In drei Ortschaften seien die Evakuierungsanordnungen schon aufgehoben worden. Die Freigabe weiterer fünf Orte, darunter der Süden von Minami Soma sei für dieses Jahr geplant. In den genannten Gebieten liegt die Strahlenbelastung bei 20-50 Millisievert pro Jahr und übersteigt damit den vom deutschen Bundesamt für Strahlenschutz festgelegten Grenzwert um mehr als das Zwanzigfache. Dennoch, Herr Aoki ist zuversichtlich auch hinsichtlich der roten Gefahrenzone: “Etwas Zeit brauchen wir noch, um Futaba und Ookuma wiederzubesiedeln.” Die evakuierte Bevölkerung scheint den Optimismus der Regierungsvertreter jedenfalls nicht zu teilen. So sind in die Stadt Naraha, die im Herbst 2015 freigegeben wurde, von den 7000 Anwohnern bisher nur 500 zurückgekehrt. Die Menschen haben Angst. Kein Wunder angesichts der ungelösten Probleme mit der Kernschmelze und der Verschleierungstaktik des Betreibers Tepco. Die jüngeren Atom-Flüchtlinge haben längst schon woanders im Land Arbeit gefunden. Mit meiner Frage nach Entschädigungen von Seiten des Betreibers Tepco schneide ich ein sensibles Thema an. Herr Aoki ist davon überzeugt: “Schäden sollten von Tepco, dem Betreiber des Atomkraftwerkes erstattet werden.” “Aber”, so fügt er zögernd hinzu, “die Kosten für die Dekontaminierung werden zur Zeit von der Regierung getragen.” Die betroffene Bevölkerung ist bisher jedenfalls nicht entschädigt worden. Ich frage ihn auch nach dem spektakulären Versuch, die radioaktive Verseuchung des Grundwassers durch einen unterirdischen Eiswall rund um das Kraftwerk einzudämmen. “Was die Einfrierungsmaßnahme mit Hilfe von Kühlflüssigkeit betrifft, so sind Pumpsysteme und Leitungen bereits verlegt. Mit der Vereisung des Bodens wird man bald beginnen.” Ob das Verfahren auch funktioniert, bleibt ungewiss.
Vor meiner Abfahrt treffe ich am Bahnhof von Fukushima Frau Sasaki, eine Mitarbeiterin des Tourismusbüros, die mir half die Tour zu organisieren. Sie wünscht sich mehr ausländische Touristen, aber nicht solche, die sich für die Katastrophe interessieren. Landschaftlich und kulturell bietet die nicht verstrahlte Region viel Sehenswürdiges. Zum Abschied drückt sie mir Prospekte in die Hand.

 

Maßnahmen in der Evakuierungszone (lt. Informationen des Leiters der Dekontaminierungsarbeiten in Fukushima Hitoshi Aoki)

– Im Jahr 2016 sollen die Evakuierungsanordnungen für die Ortschaften Katsurao, Kawamata und Minami Soma aufgehoben werden, IItate und Namie sollen folgen.
– Das Umweltministerium plant eine zentrale Deponie für abgetragene radioaktive Erde und Schutt in einem 16 km2 großen Gebiet rund um das havarierte AKW.
– 780.000 Kubikmeter radioaktiv verseuchtes Kühlwasser soll mit Hilfe von Spezialfiltern dekontaminiert werden. 610000 Kubikmeter wurden schon behandelt.
– Tierpopulationen in den verstrahlten Gebieten werden beobachtet. Dazu gehören überwiegend zurückgelassene Rinder und wilde Tiere, von denen sich vor allem der Wildschweinbestand aufgrund der Abwesenheit des Menschen stark vermehrt hat.